Politik Video
Rekordzahlen: Die Flüchtlingswelle in Griechenland reißt nicht ab
18.09.2019

Beinahe Täglich bietet sich den Beobachtern auf den griechischen Inseln im Osten der Ägäis ein sich gleichendes Bild. Der Flüchtlingszustrom aus der Türkei nach Griechenland steigert sich von Tag zu Tag. Mit kleinen Booten legen sie an der türkischen Westküste ab und machen sich auf den Weg zu den nahe gelegenen Inseln. Mal sind es einige Dutzend, mal mehrere Hundert – aber derzeit kommen täglich neue Migranten an.
Am Dienstag setzten knapp 200 Menschen zu den Inseln Chios, Kos und Lesbos über und erreichten so die EU. Weitere 43 Migranten fuhren entlang der Küste aus der Türkei zur griechischen Hafenstadt Alexandroupolis, wie die Küstenwache in Piräus mitteilte.

So dramatisch ist die Lage der Flüchtlinge in Griechenland

Tweet


Indes wurde ein neuer Rekord von Migranten registriert, die in den Lagern und anderen Unterkünften auf den Inseln im Osten der Ägäis ausharren. Insgesamt leben in den für rund 6300 Menschen ausgelegten Registrierlagern auf Lesbos, Chios, Samos, Leros und Kos bereits mehr als 20.000 Menschen. Weitere 4000 Menschen sind in kleineren Lagern und Wohnungen untergebracht.  Noch nie seit Inkrafttreten des EU-Türkei-Flüchtlingspaktes im März 2016 seien es so viele gewesen, berichtete der Staatsrundfunk (ERT). Rund um die sogenannten Hotspots haben sich Satellitencamps gebildet, in denen die Menschen in Zelten oder unter Plastikplanen hausen. Die griechischen Behörden sprechen laut dem österreichischen „Standart“ von insgesamt mehr als 26.000 Menschen, die derzeit auf eine Anerkennung als Asylsuchende warten. 

MORIA: Chef des griechischen Flüchtlingslagers gibt auf

Die aktuelle Situation in Griechenland wirft die Frage auf, ob einer der Grundpfeiler der europäischen Migrationspolitik gescheitert ist. Ein Pfeiler, den die angehende EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen gerade erst "wichtig und komplex" nannte. War es das mit dem Abkommen zwischen der Europäischen Union und der Türkei? 
Der Flüchtlingspakt zwischen der EU und der Türkei sieht vor, dass die EU alle Flüchtlinge und Migranten, die illegal über die Türkei auf die griechischen Inseln kommen, zurückschicken kann. Die Bearbeitung der Asylanträge kommt wegen Personalmangels jedoch auch heute auf den griechischen Inseln nur mühsam voran.

EU-Türkei-Flüchtlingsabkommen vor dem Aus?

Die neue konservative Regierung unter Premier Kyriakos Mitsotakis gelobt Besserung – und behauptet, ihre Vorgänger hätten Flüchtlinge aus ideologischen Gründen nur schweren Herzens zurück in die Türkei geschickt. Nach Angaben der EU-Kommission mussten bis März 2019 nur gut 2400 Syrer zurück in die Türkei. EU-Staaten hätten hingegen bereits mehr als 20.000 schutzbedürftige Syrer direkt aus der Türkei aufgenommen. 
Dort jedoch dreht sich der Wind. Seit Beginn des Bürgerkriegs in Syrien 2011 hat die Türkei mehr als 3,6 Millionen Geflüchtete aus dem Nachbarland aufgenommen, mehr als jedes andere Land der Welt.

Erdogan unter Druck - Türkei leidet unter Flüchtlingsansturm

Auf diese Zahlen verweist auch Migrationsforscher Gerald Knaus, der das EU-Türkei-Abkommen 2016 mitentwickelt hat. Ja, im August seien mehr Menschen gekommen als in jedem Monat seit März 2016. Doch die Gesamtzahl 2019 sei bislang noch immer halb so hoch wie allein im Februar 2016. Zugleich handele es sich nur um ein vernachlässigbare Größe, wenn man bedenke, dass in der Türkei rund 3,6 Millionen Syrer Schutz bekämen.