Politik
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Albtraum Pflegeheim: Alten Menschen wird sogar Toilettengang verwehrt
27.11.2019

Fast eine Million Menschen in Deutschland leben in einem Pflegeheim. Der soziale Staat kümmert sich um die Bedürftigen, um ihnen ein menschenwürdiges Leben zu sichern. In der Theorie. Wie die Dinge wirklich sind, erzählt in einem ZEIT-Interview die Altenpflegerin Eva Ohlerth, die seit einem Vierteljahrhundert in der Pflegebranche tätig ist. Da sie nicht mehr schweigen kann, hat sie ein Buch geschrieben mit einem viel sagenden Titel “Albtraum Pflegeheim”. In dem Buch wird mit zahlreichen Beispielen aus ihrer Erfahrung demonstriert, dass die Zustände in vielen Altenheimen nicht mit Artikel 1 des Grundgesetzes “Die Würde des Menschen ist unantastbar” vereinbar seien.

“Da wir völlig überlastet und überarbeitet sind, kümmern wir uns nur noch, wenn überhaupt, um die Grundbedürfnisse der alten Menschen. Trocken, sauber und satt sollen sie sein. Das heißt: Ich wasche die Heimbewohner, ziehe sie an, bringe sie zur Toilette und gebe ihnen Essen. Selbst das schaffen wir aber oft nicht, weil wir unterbesetzt sind und das alles im Laufschritt machen. Das führt dazu, dass wir Patienten abwimmeln müssen und zum Beispiel keine Zeit haben, sie zur Toilette zu bringen”, sagt Ohlerth, die im Unterschied zu vielen ihren Kollegen ihren Job doch gewissenhaft und pflichtbewusst zu erledigen versucht. 

Das Problem besteht darin, dass fast 40.000 Stellen in Pflegeeinrichtungen nicht besetzt sind. Der unterbezahlte Job, der gleichzeitig mit viel Stress und Verantwortung einhergeht, ist nicht populär. Die Folge daraus ist, dass das Pflegepersonal sich häufig aus den Menschen zusammensetzt, die für diese Tätigkeit nicht geeignet sind. 

“Ich kam einmal ins Zimmer einer bettlägerigen Dame mit chronischem Durchfall, in dem eine Kollegin war. Als sie sah, dass die Einlage der alten Dame voll war, schrie sie die Frau an und beschimpfte sie als ‘alte Sau, die wieder ins Bett geschissen hat’. Die Kollegin wollte pünktlich Feierabend machen und ärgerte sich, dass sie sich nun darum kümmern musste”, erzählt Ohlerth. Das Wort “Albtraum” scheint sogar eine Verschönerung der wirklichen Zustände zu sein. 

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