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Fall Skripal: Darum durfte man auf keinen Fall Diplomaten ausweisen
11.04.2018

Der Ex-SPD-Chef und Ministerpräsident Matthias Platzeck erklärte in einem Stern-Interview als ein Russland-Versteher, was deutsche Politiker falsch machen und wie hoch die drohende Kriegsgefahr wirklich ist. In diesem Gespräch sprach er vor allem von der Eskalationsspirale, die nach dem Mordanschlag auf den  Spion Sergej Skripal wieder losging. Er warnte, dass es ein Fehler war, Diplomaten auszuweisen. Es seien immer weniger  Diplomaten in den Botschaften, die deeskalierend vermitteln können. „Wie ich hörte, hat der US-Botschafter in Moskau nicht mal mehr Dolmetscher zur Verfügung. Das ist gefährlich“, sagte er.
 
An einem Tatort-Beispiel zeigte er, wie unangemessen diese Reaktion war. „Als "Tatort"-Zuschauer wissen sie, wie man den Täter findet: mit Beweisen oder einem Motiv. Wir aber haben das Prinzip vom ersten Tag an auf den Kopf gestellt: Da wurde der Verdächtige erst erschossen und dann geguckt, ob er es überhaupt war. Die Beweislage aber wird immer brüchiger“. Auch an dem angeblichen Motiv der Russen hat er seine Zweifel.
 
„Die Russen haben Milliarden für die Fußball-Weltmeisterschaft ausgegeben, die haben eine riesige Angst davor, dass da was schiefläuft. Wenn sie Herrn Skripal hätten umbringen wollen - dann doch wohl nicht so kurz vor der WM. Zynische Russen übrigens sagen: Selbst wenn, hätten wir andere Methoden gefunden als einen Giftcocktail auf dem ein dicker Pfeil in Richtung Russland zeigt“. Die Motivlage sei von daher unlogisch.
 
In diesem interview kritisierte Matthias Platzeck vor allem Boris Johnson. Johnson hat als erster behauptet, seine Chemiker hätten herausgefunden, wo das Gift in Russland produziert wurde. Die Chemiker waren aber unsicher, ob die Spur nach Russland führt. Der britische Außenminister habe offenbar gelogen. „Wir haben die nüchterne, sachliche Politik längst verlassen. Die Denkphasen werden immer kürzer, wir befinden uns nur noch auf Handlungsebenen und nicht mehr auf Nachdenkebenen. Auch daraus entsteht mittlerweile eine reale Kriegsgefahr“, sagte SPD-Politiker gegenüber dem Stern. Er plädierte dafür, dass man sich darum kümmern sollte, dass die Aufrüstungs- und Eskalationsspirale nicht weitergeht. Auch die Stimmung in Russland selbst sei gefährlich.
 
„Die Stimmung in Russland entwickelt sich in eine nationalistische Richtung, die uns Sorgen machen muss. In Zeiten des Kalten Krieges war vielleicht noch die Moskauer Führung auf Konfrontation aus, aber nicht das Volk“. Jetzt gibt es aber ein Entfremdungsprozess, „der uns Sorgen machen muss“.

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