Politik
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Ghosn-Affäre erschüttert Japans Justizsystem
09.01.2020

Die hollywoodreife Flucht des ehemaligen Nissan-Topmanagers Carlos Ghosn in einem Kasten für musikalische Instrumente aus Japan setzte eine internationale Debatte über die Missstände der japanischen Justiz in Gang. Der sich im Libanon aufhaltende Star-Manager erhebt schwere Vorwürfe gegen das japanische Justizsystem. Er sei nicht „vor der Gerechtigkeit“ geflüchtet, sondern aus einem Justizsystem, „in welchem die Schuld des Beschuldigten vorausgesetzt und elementare Menschenrechte verweigert“ würden, so Ghosn. Einerseits kann man diese Behauptung als reine Verteidigungstaktik des wegen Hinterziehung von Milliarden von Euro angeklagten Managers betrachten. Andererseits gibt es zahlreiche Berichte der angesehenen Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International, die Menschrechtsverletzungen in japanischen Justizanstalten registrieren.

Dass die Angeklagten in japanischen Gefängnissen stundenlang ohne Beisein der Anwälte verhört, unter Druck gesetzt und mit schweren Folgen für die Familie bedroht werden, ist keine Neuigkeit an sich. Ghosns Fall hat aber die Aufmerksamkeit der breiten Öffentlichkeit auf seit langem existierende Missstände im Justizsystem Japans gelenkt. Das Ausmaß der Missstände lässt sich anhand der Tatsache erahnen, dass 99 Prozent der Angeklagten in Japan schuldig gesprochen werden. Vielen resignierten Häftlingen in Japan, die trotz ihrer Unschuld zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden, gibt Ghosns Affäre die Hoffnung, dass ihre Fälle unter Druck der Öffentlichkeit zur Revision gebracht werden. In dieser Hinsicht ist es positiv zu sehen, dass Ghosns Flucht eine wichtige Debatte über eine überfällige Reform des Justizsystems entfacht hat, egal ob Ghosn schuld oder nicht schuld ist.
 
Ghosn hatte bereits vier Monate in der japanischen Untersuchungshaft verbracht. Gegen Kaution wurde die Haft mit einem Hausarrest ersetzt. Daraufhin ist als Musiker getarnte paramilitärische Gruppe in sein Haus gekommen, um die Flucht des 65-Jährigen mit einem Privatjet von Japan über Istanbul in den Libanon durchzuführen. Die Operation endete mit Erfolg. Ghosn befindet sich jetzt im Libanon, dessen Staatsbürger er ist, und muss die juristische Verfolgung der japanischen Anwaltschaft nicht mehr fürchten. Das Land liefert seine Staatsbürger nicht aus.

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