Politik
Collage
Hunderte gaffen als ihr Baby stirbt
05.11.2018

Das Schlimmste, was man erleben kann, ist zu sehen, wie das eigene Kind stirbt. Die Hagenerin Shukrije Kinolli muss nun unter diesem Trauma ihr ganzes Leben leiden. Was sie jedoch zur Verzweiflung bringt, sind die Gaffer, die ihre sterbende Tochter mit Handys fotografiert haben. „Ich kriege diese Leute nicht mehr aus dem Kopf", sagt sie.

Die Mutter war mit zwei kleinen Kindern auf dem Weg nach Hause, als ein Volvo über die hohe Bordsteinkante auf die Familie zuschoss. Der Fahrer wird später aussagen, er habe Brems- und Gaspedal verwechselt. Der Prozess hat noch nicht begonnen. Die Mutter und der Junge waren verletzt. Das einjährige Mädchen Aida ist am Unfallort gestorben. Kinolli kann die Tragödie nicht detailliert im Gedächtnis rekonstruieren. Sie erinnert sich aber gut daran, wie Hunderte von Gaffer ihre Handys hochhielten und sich ärgerten, dass sie keinen guten Blick auf die Unfallstelle hätten.

Der Feuerwehrmann Nicolas Reichel bestätigt Kinollis Worte. „Die Zuschauer filmten die Mutter. Manche wollten durch die Absperrung, um bessere Bilder zu bekommen... Ich sagte den Leuten: Gehen Sie doch bitte beiseite, gehen Sie weiter. Aber es kamen Sprüche wie: 'Zieh deine Kutte doch aus. Komm her, wir können uns gerne prügeln'.", erzählt der Feuerwehrmann.

Gaffen ist nicht strafbar. Nur diejenigen, die Einsatzkräfte bei ihrer Arbeit behindern, können haftbar gemacht werden. Das Filmen von Unfallopfern wurde erst 2015 unter Strafe gestellt und wird mit bis zu zwei Jahre Gefängnis geahndet. Aber der Paragraf erstreckt sich nicht auf verstorbene Opfer. „Ich will nicht, dass jemand meine Tochter so sieht! Was haben denn die Leute davon? Was ist, wenn die an meiner Stelle gewesen wären? Ich will mich an meine Tochter erinnern, aber ich versuche immer wieder, nicht an das Bild ihrer Verletzungen zu denken. Und die Leute haben Fotos oder Videos davon!“, sagt die verzweifelte Mutter.

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